Kategorien: Lebenswerte
Author: Heidi Müller

Etwas Unglaubliches ist geschehen. Und es nahm seinen Anfang an einem Donnerstag, dem Tag des Jupiter, dem Tag des Glücks.

 

Drei Meter misst sie, über zwei Tonnen wiegt sie, ein altes Benediktiner-Uhrwerk bewegt sie, ihre aufbrechenden Marmorsäulen rahmen sie gleich einem einladenden, antiken Portal, ihr sanftschweres Ticken klingt wie Musik, und ihr Architrav trägt die Inschrift „Zeit sprengt alle Mauern“. Das ist die original Berliner Friedensuhr, wie sie 1989 vom Berliner Juwelier Lorenz entworfen, gebaut und öffentlich vorgestellt wurde. Über 250 Ehrengäste kommen zu diesem lange geplanten Jubiläums-Fest, gegen 19 Uhr ergreift Juwelier Jens Lorenz das Wort, gleich wird das gewichtige Uhren-Kunst-Objekt enthüllt. Wir sind in „West“-Berlin, mitten in einem Stadtteil, der am 9. November 1874 als Au des Friedens gegründet wurde. Wir sind in Friedenau, das im Wappen einen Friedensengel zeigt. Es ist der Abend des 9. November 1989.

 

Niemand konnte wissen, was zeitgleich am selben Abend nur wenig entfernt, jenseits der Mauer,  in „Ost“-Berlin geschehen würde: Gegen 19 Uhr – es war genau 18.57 Uhr – beantwortete das Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz die Frage, ab wann neue Ausreise-Regeln gelten, mit einem trockenen: „Nach meiner Kenntnis sofort.“ Noch an diesem Abend  fällt die Berliner Mauer und der Weg wird frei für eine neue Zeit. Das Tor zur Zukunft ist offen. Eine Sternstunde der Freiheit, aber auch der Gewaltfreiheit; eine Glücksstunde für die Welt, für Europa, für Deutschland: Hoch-Zeit des Friedens. Mitten in Berlin begann eine neue Zeit, und sie begann so selbstverständlich, wie in Friedenau genau um 18.57 Uhr das Pendel einer Uhr angestoßen wurde. Die gewichtige Uhr läuft an. Der Raum füllt sich mit ihrem sanftschweren Ton. Gleicht das Uhren-Kunst-Objekt nicht einem Tor, das zum Eintritt in eine neue Zeit einlädt?

 

Die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR hat Mauern gesprengt. Eine friedvolle geballte Energie, die einen ganzen Kontinent verändert hat. Und Berlin? Die Menschen, die ihre Stadt noch verwundet, auseinandergerissen, durch Mauer und Stacheldraht geschunden, erlebt haben, treibt es heute noch Tränen in die Augen, wenn sie an jenen denkwürdigen 9. November 1989 denken. Sie sind mit Dankbarkeit erfüllt. „Berlin, nun freue dich“, der Satz des damaligen Regierenden Bürgermeisters der Stadt, Walter Momper, wirkt als emotionaler Imperativ.

 

Doch Veränderungen haben immer auch mit dem Loslassen des Alten zu tun, machen Angst. Für die ehemaligen DDR-Bürger bedeutete der Zusammenschluss beider deutscher Staaten nicht nur das nicht einhaltbare Versprechen von blühenden Landschaften, sondern zunächst die fast vollständige Aufgabe ihrer sozialisierten Werte. Auch wenn sich Ewiggestrige mit Mauern in Kopf, Herz und Seele wieder in die Vergangenheit zurücksehnen: Der Wunsch nach Freiheit lässt sich nicht aufhalten. Dieses Erkennen beseelt auch die meisten Berlin, die diese neue freigewordene Kraft in Kreativität gewandelt haben. Berlin ist ein Epizentrum kreativen Potenzials geworden.  Ein ständig schlagender Puls, der die Menschen in dieser Stadt beflügelt. Besucher Berlins spüren diese Vibrationen, nehmen den Pulsschlag auf und geben ihn uns wieder zurück. Berlin freut sich auch, alle Besucher an dieser Freude teilhaben zu lassen.  Ein Schmelztiegel internationaler Kräfte. Letztendlich hat diese friedliche Revolution stellvertretend für uns alle stattgefunden: Seht her, es ist machbar. Wenn wir nur an das Gute glauben, bekommen wir all die Unterstützung, die wir brauchen. Oder, wie es der „Kanzler der Einheit“, Helmut Kohl, bei einem Festakt zum 20.Jahrestag des Mauerfalls in Berlin bei einem Gipfeltreffen mit Michail Gorbatschow, und George Bush senior so weise ausdrückte: „Der Himmel hat uns geholfen”.

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